Urlaub in Istanbul

Hereke Teppiche

Hereke - Zentrum der Teppichkunst

von Erhan ÖR, Han Hali Sanayi Yön. Krl. Bsk.

Hereke Teppich

Die Stadt am nördlichen Ufer des Golfes von Izmit ist seit Jahrhunderten Synonym für eine Form des traditionellen türkischen Kunsthandwerks: die Teppichknüpferei.

Weltweiten Ruhm erlangt hat Hereke vor anderen Zentren der Kunst durch die Qualität und Pracht seiner Teppiche. Eine Art der Orientteppiche aus Wolle oder Seide, auch als Wandteppiche.

Geschichte der Hereke Teppiche

Hereke TeppichknüpfereiDer Grundstein für diesen Ruhm wurde 1843 von Sultan Abdülmecit mit der Gründung der Fabrika-i Hümayun-u gelegt. Die Fabrik sollte den Bedarf der Paläste dieser Zeit an Teppichen, Vorhängen und anderer Ausstattung decken. Abdülmecit hoffte, die türkische Kunst auf diesem Wege in die bekanntesten Paläste der damaligen Welt zu tragen, und es ist ein Zeugnis seines Erfolges, dass aufgrund der steigenden Nachfrage Weber aus Hereke auch an den zeitgleich entstandenen Dolmabahçe Palast geholt wurden, um dort ein weiteres Atelier zu gründen. Die beiden im selben Jahr die Arbeit aufnehmenden Zentren konnten zusammen mehr als 140 Teppiche und 115 Gebetsteppiche mit einer Gesamtfläche von 4400 m² produzieren.

Hereke Teppiche

Neben traditionellen Motiven und Mustern begegnen in den Hereke Teppichen auch gefällige Osmanische Motive. Mit dieser einzigartigen Synthese wurde die Teppichkunst neu definiert. Die Teppiche aus Hereke fanden in ganz Westeuropa in kurzer Zeit großen Anklang und waren für die Ausstattung selbst der prächtigsten Paläste der Zeit sehr gefragt.

Mit dem Brand in der Fabrika-i Hümayun-un im Jahr 1878 kam das Zentrum der Teppichproduktion mit dem gesammelten Wissen aus Jahrhunderten für kurze Zeit bis zur Wiedererrichtung der Fabrik 1882 zum Erliegen. Die Nachfrage wurde dadurch nicht beeinträchtigt, und Ende des 19. und ebenso im 20. Jh. produzierte Hereke seine Teppiche fast ausschließlich für die Aristokratie.

Wilhelm II mit Gattin in Hereke

Die schönsten Beispiele der Kunst gingen als Geschenke an die Höfe Deutschlands, Englands, Japans und Russlands. Viele der prominenten Liebhaber der Teppiche aus Hereke zog es in der Folge an deren Entstehungsort, darunter auch den Deutschen Kaiser Wilhelm II. Im Jahre 1894 besuchte er gemeinsam mit seiner Frau Viktoria Hereke und nahm eine große Kollektion an Teppichen mit nach Deutschland. Mit dem Ruf wuchs auch die Nachfrage, so dass die Produktion ausgeweitet und in den besten Gegenden Istanbuls Verkaufsstellen eingerichtet wurden. In internationalen Wettbewerben gewannen die Hereke Teppiche weltweit weiter an Ansehen: mit ihrer unvergleichlichen Qualität gewannen sie viele der prestigeträchtigsten Auszeichnungen und Preise der Zeit, etwa in Wien (1892 und 1908), Lyon (1894), Bursa (1907 und 1911), Brüssel (1910 und 1911), Turin (1911) und Izmir (1921).

Hereke Teppiche heute

Türkische Teppiche

Unter den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der Zeit der Republikgründung erlebten auch Kunst und Handwerk in Hereke eine Zeit des Stillstandes, die Produktionskapazität musste zurückgefahren werden. In den Jahren zwischen 1923 und 1945 wurde die Lage zusehends schlechter, bis in den 50er Jahren eine Wiedergeburt gelang. Der folgende Aufschwung erfasste nicht nur die Produktion, sondern auch die Kunst an sich und gipfelte schließlich in der Eröffnung einer Kunstschule.

Heutzutage gehören Hereke Teppiche wieder zu den bevorzugten Objekten professioneller Sammler. Verbunden mit dem Namen Han Hali nehmen sie ihren berechtigten Platz im internationalen Markt ein. Seit vier Generationen bemühen sich die Ör Kardeşler , die Hereke Tradition in die Zukunft zu führen und schenken dabei besonders der Authentizität von Farben und Motiven große Aufmerksamkeit. Die Synthese von überlieferter Handwerkskunst und Moderne ist in den Gallerien der Geschwister im Zentrum von Hereke an vielen Beispielen zu bewundern.

Weltmarke Hereke

Hereke Teppichweberinnen Die Hereke Teppiche werden in einer einzigartigen Technik hergestellt. Die Vorbereitungen des Webstuhls unterscheiden sich grundsätzlich von denen für andere Teppiche. Herausragendstes Merkmal und der wichtigste Grund für die besondere Langlebigkeit der Hereke Teppiche ist die Verwendung des doppelten türkischen Knotens. Wird dieser fest angezogen, löst er sich im Unterschied zum einfachen Knoten niemals und verrutscht auch nicht. Selbst bei starker Beanspruchung nehmen die Teppiche keinen Schaden und behalten ihr ursprüngliches Aussehen. Während bei Verwendung eines einfachen Knotens ein Winkel von 90° entsteht, bietet der 45° Winkel des doppelten Knoten aus jedem Blickwinkel eine unterschiedliche Ansicht: Da die inneren Fasern der verwendeten Naturseide verglichen mit den glänzenden äußeren Fasern eine tiefere Farbigkeit aufweisen, präsentiert sich dasselbe Muster dank der 45° Winkel in einem unglaublich vielfältigen Farbspiel.

Orientteppiche Türkei

Ein weiteres Kennzeichen der Hereke Teppiche ist die Verwendung reiner Seide und die qualitätvolle Verarbeitung der Wolle.

In den weltberühmten Seidenteppichen aus Hereke wird die ebenso für ihre Qualität bekannte reine Seide aus Bursa verarbeitet, die Wollteppiche zeichnen sich dank der besonderen Hereke Technik durch eine außergewöhnliche Spannkraft und damit verbunden durch besondere Langlebigkeit aus.

Nach Beenden einer Reihe werden die doppelten Knoten der Hereke Teppiche jeweils mit einem Eisenkamm zusammengeschoben. Dieses Verfahren garantiert die besondere Dichte und Stabilität der Hereke Teppiche. Zum Abschluß einer Reihe wird diese noch mit einer speziellen Schere geschoren. Dieses Verfahren wiederholt sich bei jeder Reihe.

Wollteppiche aus Hereke weisen eine Dichte von zwischen 360 000 und 400 000 Knoten pro m² auf, bei Seidenteppichen bewegt sich diese Zahl zwischen einer und 1,2 Millionen Knoten pro m². Ein professioneller Weber braucht für das Weben eines Teppichs mit ca. einer Million Knoten etwa ein Jahr.

 

Hereke Stil

Hereke Motive Blumen

Die Kunst des Teppichwebens blickt in der Türkei auf eine über 1000-jährige Tradition zurück. Die frühesten Muster bildeten sich um 500 v.Chr. heraus. Die großen Wanderungen der Turkvölker, Kriege, Hungersnöte, Zerstörungen und Wiedergeburten – sie alle haben ihre Spuren hinterlassen und einen eigenen Stil hervorgebracht, in dem Generationen junger Mädchen Elemente ihrer Lebenswelt ins Bild gesetzt haben.

Jede Region hat dabei ihren eigenen Stil hervorgebracht. Hereke Teppiche zeigen eine Vorliebe für Themen aus der Natur und eine lebende Farbigkeit: ein tiefes Dunkelblau, Elfenbein, lebendiges Zimt, natürliches Gelb und Grün, feuriges Rot verschmelzen mit unzähligen Tönen, Blumen, Zweige und Blätter erstrahlen in allen Farben der Natur und bringen diese auf Böden und Wänden zum Leben. Neben den charakteristischen Blumen gehören Vögel, der Lebensbaum und die Gebetsnische (Mihrap) mit Öllampen zu den typischen Motiven der Hereke Teppiche.

Das herausragendste Charakteristikum der Hereke Teppiche aber ist wohl die Mühe, die in ihnen steckt und die ihre Qualität ausmacht. Einen wichtigen Hinweis auf beides liefert die Zahl der Knoten pro Quadratzentimeter bzw. – inch: der durchschnittliche Wert bei Wollteppichen aus Hereke bewegt sich bei 60x60=3600. Der Mindeststandard für Seidenteppiche aus Hereke liegt bei durchschnittlich 10x10=100 Knoten/cm². Mit der sich weiterentwickelnden Technik steigen auch diese Zahlen und es begegnen immer häufiger Teppiche mit 15x15=225, 17x17=289, 18x18=324 oder gar unglaublichen 35x35=1225 Knoten.

Die an Schönheit und Qualität herausragenden Hereke Teppiche tragen seit 1843 den Anspruch, die weltweit schönsten Teppiche zu sein. Bis heute sind sie von Nachahmern unerreicht.

Auch in Zukunft werden sie ihren verdienten Platz unter den herausragenden Stücken dieser Kunst einnehmen, dank ihres kompromisslosen Anspruchs an Kunst und Qualität und der Bewahrung der langen Tradition.

Denn auch heute noch gilt: „ein Hereke Teppich ist ein hundertprozentig handgefertigtes Kunstwerk.“

 

Hereke Teppiche

Hereke Teppiche

Türkische Teppiche

Orientteppiche aus der Türkei