Kleines interkulturelles Wörterbuch


fragezeichen

Der Globalisierung sei Dank – auch in der Türkei gibt es mit Ausnahme von Choco Crossies und echter Schlagsahne so ziemlich alles, was man auch aus Deutschland kennt. Die Kunst besteht allerdings darin, es auch zu finden.


Naturgemäß gibt es für den hiesigen Markt ungängige Exportware nicht unbedingt im Tante Emma-Laden nebenan; in den großen internationalen Supermärkten wie Real, Carrefour & Co. wird man aber in der Regel fündig. Doch nicht immer ist es so einfach. Vielleicht sucht man kein ausländisches, aber doch eher selten gebrauchtes Produkt. Oder Teile für eine selbstdesignte Problemlösung beim Wohnungsausbau. Oder ein bestimmtes Kleid, das – so weiß man aus den Zeitschriften – zurzeit absolut im Trend ist und eigentlich überall zu haben sein sollte. Wo fängt man an zu suchen? Natürlich in einem Laden, der entsprechende Produkte verkauft: im lokalen Supermarkt, dem Baumarkt, einer Boutique.

Wer nicht gleich fündig wird, dem steht eine größere Odyssee und v.a. eine große Herausforderung an den eigenen Scharfsinn bevor. Denn die große Hilfsbereitschaft, mit der Shopinhaber und Personal bei der Suche behilflich sein wollen, ist nicht immer dazu angetan, an deren Ziel zu führen. Hier ein kurzer Überblick über gängige Aussagen, die erst einer Übersetzung in ihre eigentliche Bedeutung bedürfen, um doch noch eine Chance zu haben, das Gesuchte irgendwann zu finden.

Das funktioniert so nicht. – “Das habe ich noch nie gehört. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte.” Hier ist das nötige Selbstvertrauen in die eigene Vorstellungskraft gefragt, die einen etwa in den Baumarkt geführt hatte, um Material für das geplante Heimwerkerprojekt zu besorgen.

So etwas gibt es nicht. – “Das führe ich nicht. Ich weiß auch nicht, wo es das geben könnte, und wenn ich es wüßte, würde ich es Dir nicht erzählen: vielleicht kaufst Du ja stattdessen etwas anderes bei mir, und wenn nicht, dann gehst Du besser schnell und lässt mich in Ruhe meinen Tee trinken.” Einfach im nächsten Geschäft probieren – für gewöhnlich befinden sich Geschäfte mit ähnlichen Produkten alle in einer Straße, so dass man zumindest nicht lange braucht, um sich überall durchzufragen.

Das ist dasselbe/minderwertig/überteuert. – “Ich führe das nicht, aber ein ähnliches Produkt.” Vorsicht ist geboten: nicht immer ist die angebotene Alternative auch tatsächlich dem gesuchten Produkt vergleichbar.

Das gibt es nicht mehr auf dem Markt. – “Ich habe den Hersteller gewechselt und hoffe, dass du Dich mit dem neuen Produkt anfreundest und mir als Kunde erhalten bleibst.”

Das ist hier verboten. – “Finde dich zu einem Kompromiss bereit, der mir Arbeit verschafft.” Eine solche Aussage ist im Einzelnen natürlich nicht ohne größeren Aufwand und profundes Wissen nachprüfbar. Wo es um große Summen und wichtige Dinge geht, sollte man diese Mühe zur eigenen Sicherheit dennoch investieren. Ansonsten reicht oft gesunder Menschenverstand, um begründeten Verdacht zu hegen.

Die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, ist auch bei geschäftlichen Telefonaten gefragt oder dem Versuch, telefonisch zu bestellen:

„Ich verbinde Sie mit dem zuständigen Kollegen“ ist in großen Unternehmen für gewöhnlich ernst gemeint. Sollte der Gesprächspartner aber offensichtliche Schwierigkeiten haben, dem Englischen oder falschen Türkisch des Anrufers zu folgen oder zeigt ein kurzes Zögern an, dass es möglicherweise keinen eindeutig Zuständigen gibt, sollte man nicht erst Stunden in der Warteschleife Geld und Nerven aufzehren: nach ca. 15 Minuten Warteschleifenmusik wird wahrscheinlich ohnehin die Leitung gekappt. Wer jetzt denkt, der Weg über email ist einfacher und gibt dem Gegenüber mehr Zeit zum Überlegen, hat zumindest Geld und Zeit gespart. Zum Ziel wird er aber auch eher nicht gelangen: in der Regel werden emails nicht gelesen (der Eindruck entsteht zumindest) oder nicht beantwortet.

Vorsicht ist übrigens auch bei Erfragen des Weges geboten. Ein „Tut mir leid, das weiß ich nicht.“ wird man in den seltensten Fällen hören (v.a. von männlichen Befragten – das ist wohl überall auf der Welt ähnlich). Ausgiebig wird man an die nächste Ampel, dort nach links, drei Kilometer geradeaus, zweimal rechts und wieder fünf Kilometer zurückgeschickt: bei wem könnte man sich auch beschweren, wenn man nach 45 Minuten Fußweg feststellt, dass man nicht am gewünschten Ziel angelangt ist.


Tröstlich: es trifft nicht nur ausländische Gäste, auch die Einheimischen haben mit denselben Problemen zu kämpfen, sind aber aus Erfahrung im Interpretieren solcher Aussagen geübt.
Übrigens: ob man das Gesuchte am Ende findet, hängt zum großen Teil vom Zufall ab.